Einzelnen Beitrag anzeigen
  #1  
Alt 26.10.2013, 01:02
Benutzerbild von Tush
Tush Tush ist offline
Pilzsammler
 
Registriert seit: 14.03.2011
Gilde: die alleinen
Beiträge: 32
Standard Spieglein, Carola und das Biest

Wer gerne mehr von Tush lesen möchte, findet:
Ein Kurzmärchen
Eine Shakes&Fidget-Fanfiction
Eine längliche Erzählung,
(unvollendet) die an die vorige anknüpft und sich teils
auf eine Gilde bezieht, in der ich früher mal gespielt habe.


Habt ihr einen Spiegel? Und schaut ihr euch gerne im Spiegel an? Nein?
Das ist schade, denn so ein Spiegel ist eine nützliche Sache. Manche sagen, wer gerne und oft in den Spiegel schaut, ist eitel und selbstsüchtig - das mag sein. Aber es kommt auch darauf an, was für ein Spiegel es ist. Und was man sein Spiegelbild fragt. "Spieglein, Spieglein an der Wand, ...", ihr wisst schon. Manchmal ist es gar nicht angenehm, was das Spiegelbild antwortet.

Ich könnte jetzt noch lange von Spiegeln und vom Sich-spiegeln reden; ihr ahnt es, ich bin auch so ein eitler Spiegel-Gucker.
Aber eigentlich seid ihr doch hier, um eine Geschichte zu lesen. Und zwar:


Spieglein, Carola und das Biest

Sie hieß Carola und war eine wunderschöne Prinzessin. Das war zumindest, was sie selber über sich dachte. Und wie sie sich sah, denn sie hatte einen Spiegel, einen gar nicht so kleinen, obwohl sie ihn "Spieglein" nannte. Es war ihr Lieblingsspiegel, und das Gute daran war, dass er immer das sagte, was sie gerne hören wollte. Spieglein sprach natürlich nicht wirklich, aber sie spielte, sie würde ihn fragen, und er zeigte ihr immer ihr Ich-bin-so-schön-Gesicht.

Sie war eigentlich nicht wirklich eine Prinzessin, ihr Vater war nur ein Herzog, kein König, aber sie hieß immerhin "Carola von". Von was, weiß ich nicht genau, aber jedenfalls war sie von Adel.
Und weil sie adelig war, und außerdem noch wunderschön, war sie auch hochmütig und eingebildet. Sie hatte langes, blondes Haar, einen schlanken Körperbau, einen lieblichen roten Mund, blaue Augen und ein zierliches Näschen, das sie ziemlich hoch trug! Könnt ihr euch denken.
Das also war Carola.


Dann gab es da ein großes und prächtiges Schloss. Es hatte weiße Türme mit schwarzen Dächern obendrauf, und oben auf den Dächern wehten blaue Fahnen. Dort wohnten der Herzog von Wasauchimmer und seine Tochter Carola nicht.
Wie gerne hätte Carola dort gewohnt, aber sie wohnte in einem hübschen kleinen Schlösschen, das ungefähr eine halbe Tagesreise entfernt lag; wenn man nicht viele Pferde hatte und die Kutsche ordentlich vollpackte, eine ganze. Das kleine Schlösschen hatte keine weißen Türme und Fahnen, aber an sich war es auch ganz nett.

In dem großen, weißen Schloss wohnte, wie ihr euch vielleicht gedacht habt, ein König. Der König. König Winfried der Zweite. Er war jung, gutaussehend und, was das beste war, unverheiratet! - Ihr seht, wohin die Sache läuft..?
Der Herzog wünschte sich natürlich, er könnte seine Tochter mit dem König verheiraten. Das selbe wünschten sich auch jede Menge andere Väter mit hübschen Töchtern; nur der junge König wünschte sich das nicht, zumindest noch nicht so bald! Aber es war eine nette Sache, dass jedes Wochenende hoffnungsfrohe Noch-nicht-Schwiegerväter kamen und Geschenke mitbrachten.

Wer außerdem noch in dem weißen Schloss wohnte, - außer vielen Dienern, Mägden, Stallknechten, dem Haushofmeister und so weiter - war das Monster Goph. "Das Biest" sagten viele dazu, was aber verkehrt und unfair ist, denn Biest oder Bestie heißt Tier, und Goph war kein Tier, sondern ein Mensch. Er hieß eigentlich Gottfried und war ein Mann in Winfrieds Alter. Als der König noch Prinz war und Winfried der Erste herrschte, waren die beiden in die selbe Klasse gegangen und ganz gute Kumpels gewesen. Doch jetzt war Goph des Königs Monster und wohnte in einem Turm des Schlosses; er war genauer gesagt darin eingesperrt. Wieso? Ja, wolltet ihr ein Monster frei in eurem Haus rumlaufen haben?


Ich glaube, ich muss Gophs Geschichte von Anfang an erzählen:
Er war ein normaler Mensch, eigentlich, aber er war hässlich, unnormal hässlich, fanden die Leute. Dazu noch war er ganz besonders groß und stark. Sein Rücken war zu einem runden Buckel verkrümmt, und trotzdem maß er über zwei Meter; hätte er gerade und aufrecht stehen können, wären es locker zweizwanzig gewesen.
Er hatte sanfte braune Rehaugen, über denen ein dicker Augenbrauenwulst vorsprang wie eine Dachtraufe. Deshalb sahen die wenigsten seine hübschen Augen, die meisten aber die schwarzen Brauen, die immer aussahen wie grimmig zusammengezogen. Seine Kiefer waren breit und knochig und ebenfalls vorspringend, dafür war die Nase einigermaßen platt. Hätte jemand erzählt, dass Gottfried mit seinen Zähnen Kiesel zerbeißen konnte, jeder hätte ihm geglaubt. Seine Schultern waren auch sehr breit und unterschiedlich hoch, die Arme, die da herauswuchsen, waren wie behaarte Baumstämme, und seine Hände - nun, niemand gab ihm je einen Händedruck, alle hatten Angst, die Knochen gebrochen zu kriegen.

Als sein Vater ihn zum ersten mal sah, als Neugeborenes, rief er aus: "Oh Gott!" - so waren sie darauf gekommen, ihm den Namen Gottfried zu geben. Und friedlich war er tatsächlich. Seine Mutter liebte ihn natürlich, sie sah ihn mit den Augen einer Mutter, und es tat ihr weh, dass die Leute sagten, er sei hässlich. Aber sie war doch auch sehr erleichtert, als sie ein zweites Kind bekam, ein Mädchen, dass dieses hübsch und normal aussah. Das kleine Schwesterchen wusste noch nichts von hübsch und hässlich und liebte ihren Bruder innig. Als sie anfing zu sprechen, nannte sie ihn "Goff", besser konnte sie es noch nicht sagen. Bald war Goph sein Spitzname, sein einer Spitzname; den anderen gaben ihm die Kinder, als er in die Schule kam: Missgeburt!

Der alte König hatte beschlossen, dass sein Sohn, Prinz Winfried (der Zweite), auch in die Schule gehen sollte, anstatt immer nur im Schloss von seinem eigenen Lehrer belehrt zu werden. Und der Prinz ging in die selbe Klasse wie Goph, die Missgeburt. Natürlich behandelten die Lehrer den Königssohn mit viel mehr Respekt als die anderen Schüler, sie hätten niemals gewagt, ihn anzuschreien oder ihm eine schlechte Note zu geben! Wer weiß, ob der König sie dafür nicht in den Kerker hätte werfen lassen?
Deshalb war der Prinz nicht sehr beliebt bei den Mitschülern, wie ihr euch vorstellen könnt.
Goph dagegen wurde weder von den anderen Jungen noch von den Lehrern respektiert, denn es ist leicht, zu glauben, dass einer, der hässlich und missgebildet ist und nicht viel spricht und missmutig und grimmig dreinschaut, dass so einer auch dumm ist. Wäret ihr nicht missmutig, wenn euch die anderen jeden Tag verspotten würden? Und weil Gottfried gutmütig war und sich meist nicht wehrte, wenn man ihn verspottete, musste er ja erst recht dumm sein.

Winfried bekam also bessere Noten, als er verdient hätte, während Gottfried schlechtere bekam, auch wenn beide eigentlich ziemlich gleich gut waren. So ist es im Leben, man hat oft das Gefühl, es geht ungerecht zu, aber meistens nur dann, wenn man auf der unteren Seite der Ungerechtigkeit sitzt.
Die beiden Frieds waren Jungen, die nicht so richtig dazu gehörten bei den anderen. Mit Goph redete keiner, weil er kaum sprach - klar, wenn er immer Gemeinheiten zu hören kriegte. Mit dem Prinzen sprachen die anderen nur wenig, weil sie meinten, sie müssten dann eine komische höfliche Sprache sprechen, "Ihr" und "Euer" und "Hoheit" sagen und sich verbeugen. Und der Prinz gab nicht zu, dass ihm ganz normales Reden viel lieber gewesen wäre, denn sein Hauslehrer hatte ihm gesagt, er dürfe die normalen Jungen, das gemeine Volk, wie er dazu sagte, nicht den Respekt vor ihm verlieren lassen, später einmal würde er ja König sein.

Prinz Winfried bemerkte erstaunt, dass der missgebildete Außenseiter ihm gar nicht übel nahm, dass er bessere Noten bekam. Er hatte längst gemerkt, dass dieser nämlich nicht so dumm war, wie er aussah. Die beiden verstanden sich ganz gut und unterhielten sich oft, abseits von den anderen, mit denen sie nicht herumtoben durften oder wollten.

Und dann passierte es eines Tages: Der Königssohn brach sich einen Arm! Er war ganz unköniglich mit einem Jungen aneinandergeraten und die beiden wollten sich prügeln. Gottfried ging dazwischen, denn er merkte, dass es ernst war und keine normale Jungsrauferei. Er drängte die Streithähne mit seinen übergroßen Kräften auseinander, und dabei flog Winfried hin und mit dem Arm so unglücklich auf eine Kante, dass der Knochen brach.
Natürlich sagte Gottfried, dass es nicht mit Absicht war, und der Prinz wollte ihm schon verzeihen. Aber die Nachricht, dass der übergroße, missgebildete und im ganzen Ort verachtete Kerl dem hochwohlgeborenen Königssohn den Arm gebrochen hatte, verbreitete sich in Nullkommanichts in der ganzen Gegend - jeder erzählte es noch ein bisschen dramatischer und falscher weiter, als er es selbst gehört hatte; ihr könnt euch denken, was da alles zusammen kommt. Nicht lange, und die Leute hatten keinen Zweifel daran, dass Goph am Galgen landen würde. Und das sei auch gut so, denn wer weiß, welche Schandtaten er sonst noch anrichten würde.

Am nächsten Tag kam Prinz Winfried nicht in die Schule, er war ja krank. Auch Goph kam nicht in die Schulel. Stattdessen ein paar Gardemänner vom königlichen Schloss, die ihn hätten festnehmen sollen. Winfrieds Vater hatte gar nicht anders gekonnt, als das zu befehlen, selbst wenn er seinem Sohn geglaubt hätte, dass der brutale Mitschüler ihn gar nicht mit Absicht zu Boden gestoßen hatte. Aber jemanden, der ein Mitglied der Königsfamilie angriff, konnte man nicht einfach so davon kommen lassen! Und selbstverständlich war der König selbst auch sehr erzürnt über Goph.

Die Soldaten fanden ihn nicht in der Schule, auch nicht zu Hause oder in der Nachbarschaft. Es hieß ja, dass er an den Galgen kommen würde. Deswegen war er weggelaufen, weg von seiner Mutter und vom Dorf, irgendwohin, in die Wälder, sich verstecken. Was blieb ihm anderes übrig? Jeder hasste ihn, keiner glaubte, dass er unschuldig war.

Nachdem man einige Tage lang vergebens nach ihm gesucht hatte, ließ der König verkünden, dass Goph nunmehr vogelfrei sei, frei, aber rechtlos, praktisch wie ein wildes Tier. Niemand brauche ihm zu helfen, im Gegenteil sei jedem angeraten, sich von ihm fernzuhalten - obwohl man ihm "die Freiheit geschenkt habe". Goph war damit gewissermaßen tatsächlich zu einem Biest geworden, ausgestoßen, wie ein Braunbär in den Wäldern lebend, gezwungen, zu stehlen, um zu überleben.
Einmal gab ihm ein Müller Arbeit, weil er Mitleid hatte und auch, weil Goph so stark war, dass er alleine einen Mühlstein tragen konnte. Doch als der Müller merkte, dass bald niemand mehr bei ihm mahlen lassen wollte, um dem hässlichen "Biest" nicht zu begegnen, schickte er ihn wieder weg.

Das war Gophs Geschichte bis zu der Zeit, als der alte König starb und Winfried der Zweite auf den Thron kam, der, der ihn als Mensch, als Schulkamerad gekannt hatte. Doch was tat er? Was soll man mit einem anfangen, der zu verrufen ist, zu hässlich und zu übermenschlich stark, als dass man ihn in die Gesellschaft der normalen Menschen aufnehmen kann? Der junge König nutzte die Gelegenheit, um seine Macht und seine Wohltätigkeit am Volk zu zeigen: Er ließ den bedrohlichen "Wilden Mann" einfangen und auf sein Schloss bringen, wo er ihn als "Monster" hielt.


Dachtet ihr, ein Monster ist das, was in eurem Schrank oder unter dem Bett lauerte, als ihr noch klein wart? Oder was Kinder frisst, die nicht brav sind? Nein, eigentlich ist ein Monster etwas ganz anderes: "Monstra" heißt "zeige" - Ein Monster ist was zum Vorzeigen, eine Attraktion, zum Beispiel ein Elefant, der aus fernen Ländern stammt, oder ein Tanzbär, den man auf dem Markt vorführt, um den Leuten Spaß und Nervenkitzel zu bieten. Denn gefährlich oder gruselig ist so ein Monster ja schon!

In früheren Zeiten wurden kleinwüchsige oder verkrüppelte Leute oder geistig Behinderte oft zur Belustigung des Volkes ausgestellt. Es gab ja noch keine Zeichentrickserien, keine Comedians oder Reality-Soaps.
Und die armen Krüppel hatten auf die Art zumindest einen Lebensunterhalt, wenn sie schon keine normale Arbeit tun konnten.


So dachte sich auch König Winfried. Ist doch besser für Goph, im Schloss ein Dach über dem Kopf zu haben, als im Wald zu hausen wie ein Tier und von Pilzen und geklauten Brotresten zu leben.
Es war ganz nützlich, dass sein "Monster" den Ruf hatte, gefährlich zu sein, Schafe zu reißen und roh zu fressen - wenn nicht sogar kleine Kinder (wenn sie nicht artig waren, natürlich)! Also hatte er Goph eingesperrt, für die Sache mit dem Arm und für das Stehlen und überhaupt. Und ab und zu zeigte er also das Vorzeigemonster. So auch heute.


Aber erst später.
Erstmal will ich erzählen, was heute los war. Nicht heute jetzt, wenn ihr das lest; das Heute damals, als die Prinzessin im Garten... Halt, der Reihe nach!


Der Herzog von Dingens war nämlich auf das königliche Schloss eingeladen, zusammen mit anderen Herzögen, Rittern, Ratsherren und dem Erzbischof. Welch eine wunderbare Gelegenheit, um seine schöne Tochter Carola dem König vorzustellen! Vater und Tochter brachen also früh am Morgen auf, um die halbe Tagesreise bis zum Mittag hinter sich zu bringen. Muttern blieb daheim, denn irgend jemand musste im Schlösschen ja das Heft in der Hand behalten, und außerdem, sie war ja ohnehin bereits verheiratet.

Im Städtchen beim Schloss kehrte der Herzog mit Carola in einem Gasthaus ein, denn ihm war eingefallen, dass sie ja gar nicht zum Mittagessen eingeladen waren, erst zur Versammlung am Nachmittag, wenn seine Majestät mit den ganzen Edelleuten Rat halten wollte. Gleich gegenüber der Gaststube war eine Schule, und just in jener Schule, so erzählte der Gastwirt, war es geschehen, dass das Biest dem Prinzen Winfried den Arm gebrochen hatte.

"Wie kam da Biest denn in die Schule?" wollte die Prinzessin wissen. "Das Biest ging dort zur Schule, genau wie alle anderen Jungen", erklärte der Wirt. Carola war schockiert. Dass man ein solches Wesen einfach so in die Schule gehen ließ!
"Ja nun", sagte der Wirt, "bis zu diesem Tag hatte keiner von uns Angst vor ihm. Wir fanden ihn hässlich und wollten nicht mit ihm spielen, aber er hat niemandem was getan. Obwohl er so stark war wie ein Bär! Aber dann, ganz plötzlich, ist das wilde Tier in ihm erwacht. Er hat den Prinzen niedergeschlagen und ist davongerannt, in die Wälder, und hat sich nie wieder blicken lassen!"

"Und das Biest, das der König in seinem Schloss haben soll? Ist das dieses, das ihm als Kind den Arm gebrochen hat?"

"Genau! Als er König wurde, hat er es aufgespürt und einfangen lassen. Die Menschen in den Dörfern beim Rauhwald lebten in Angst und Schrecken vor ihm. Und außerdem geht es ja nicht, dass einer einfach so in der Wildnis lebt! Wo sind wir denn!"


Nicht lang danach kamen Carola und ihr Vater dann im Schloss an. Es war natürlich wesentlich größer und prächtiger als ihr Zuhause. Die Gäste wurden in einer riesigen Halle empfangen, es waren auch schon einige von den übrigen Edelleuten da, teils mit ihren Frauen oder ihren Töchtern in teuren Kleidern, in denen man nur ganz langsam gehen und kaum atmen konnte. Auch Carola hatte sich in eins dieser Prachtdinger gezwängt, obwohl sie mit ihrer Figur das gar nicht nötig gehabt hätte, fand sie. Sie blickte spöttisch lächelnd umher auf die teils älteren, teils jüngeren Frauenzimmer, die je nachdem gezierte Nichtigkeiten redeten oder albern kicherten. Diese dort: kunstvoll getürmtes Haar über einem nicht mehr ganz taufrischen Gesicht, dessen von Missgunst eingeprägte Falten auch unter der dicken Schminke nicht gänzlich verborgen bleiben konnten. Oder jenes Mädchen, gerade laut quietschend über eine scheinbar witzige Bemerkung: Die nicht zu sparsam bemessenen Kurven in ein Korsett gezwängt, in dem sie nun aussah wie Pudding in einem übervollen, schlanken Dessertkelch.

Es wurde still, als der König und die Königin in den Saal traten. Natürlich nicht die Frau des Königs, er hatte bekanntlich keine, sondern seine alte Mutter, immer noch sehr majestätisch trotz, oder vielleicht wegen ihrer enormen Körperfülle, die Platz bot für die hunderten wallenden Falten von prächtigem, goldfarbenem Stoff, die ihr Gewand bildeten.

Die adligen Herren grüßten der Reihe nach seine Majestät mit respektvollen Verbeugungen, dann stellten sie ihre jeweilige Tochter oder Gemahlin vor. Der König nickte jedes mal Huldvoll mit dem Kopf und lächelte die Dame an. Carola versuchte, in seinem Gesicht zu lesen, was er dabei dachte.

Als sie an der Reihe war, machte sie artig ihren Knicks und ließ ihr Lächeln dann in ein freches Grinsen übergehen, denn gleich vor ihr war Miss Puddingdessert dran gewesen, und es war Carola nicht entgangen, dass auch des Königs Lächeln bei ihrem Anblick deutlich breiter und belustigter geworden war.
Der König würdigte sie seines royalen Blickes und nickte, und sie war natürlich der Überzeugung, dass er ihr ganz besonders seine Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Triumphierend erhobenen Näschens marschierte sie an den übrigen Töchtern vorbei und unterdrückte ein Keuchen. Hoffentlich konnte sie nun endlich aus diesem Mieder raus!

Sie ließ sich von einem Lakaien den Weg zu dem Zimmer weisen, der Kammer, besser gesagt, die man ihr und ihrem Vater zum Nächtigen hergerichtet hatte. Kaum größer als ein Ankleidezimmer für Adlige wie sie, fand sie. Dass in einem so großen Schloss nicht mehr Platz zur Verfügung stand! Pff, sicher mussten die größeren Gemächer für die schwerreichen Herrschaften herhalten, die für ihren fettleibigen Leib eines extra großen Bettes bedurften.
"Hänge er mir diesen Spiegel auf!" verlangte sie von dem Diener. Sie hatte ihr Lieblingsspieglein natürlich mitgebracht. Der Diener runzelte die Stirn und verwies auf den Spiegel, der in der Kammer bereits vorhanden war, aber sie beharrte: "Ich brauche diesen Spiegel, keinen anderen! Und sei er vorsichtig!" So etwas von unprofessionell, dass ein königlicher Lakai in seinem Mienenspiel seine eingene Meinung durchscheinen ließ! "Er kann sich entfernen. Ich kleide mich allein um", verkündete sie.

Sie befreite sich aus dem unbequemen Renommiergewand und zog ihr Lieblingskleid an, das leichte, hellblaue, das perfekt zum sonnigen Himmel und ihren blauen Augen passte. Dazu noch die Perlenkette, die sie von ihrer besten Freundin bekommen hatte. Ihr Spieglein versicherte ihr, dass sie perfekt aussah - besser noch als zuvor, vor allem aber besser als die ganzen aufgedonnerten Hühner, die sich unten in der Halle um die olle Königin geschart hatten!

Geändert von Tush (15.05.2015 um 01:45 Uhr) Grund: Tippfehler
Mit Zitat antworten
Die folgenden 5 User sagen "Danke" zu Tush für dieses Posting: