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Alt 26.10.2013, 01:02
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Tush Tush ist offline
Pilzsammler
 
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Gilde: die alleinen
Beiträge: 32
Standard Spieglein, Carola und das Biest

Wer gerne mehr von Tush lesen möchte, findet:
Ein Kurzmärchen
Eine Shakes&Fidget-Fanfiction
Eine längliche Erzählung,
(unvollendet) die an die vorige anknüpft und sich teils
auf eine Gilde bezieht, in der ich früher mal gespielt habe.


Habt ihr einen Spiegel? Und schaut ihr euch gerne im Spiegel an? Nein?
Das ist schade, denn so ein Spiegel ist eine nützliche Sache. Manche sagen, wer gerne und oft in den Spiegel schaut, ist eitel und selbstsüchtig - das mag sein. Aber es kommt auch darauf an, was für ein Spiegel es ist. Und was man sein Spiegelbild fragt. "Spieglein, Spieglein an der Wand, ...", ihr wisst schon. Manchmal ist es gar nicht angenehm, was das Spiegelbild antwortet.

Ich könnte jetzt noch lange von Spiegeln und vom Sich-spiegeln reden; ihr ahnt es, ich bin auch so ein eitler Spiegel-Gucker.
Aber eigentlich seid ihr doch hier, um eine Geschichte zu lesen. Und zwar:


Spieglein, Carola und das Biest

Sie hieß Carola und war eine wunderschöne Prinzessin. Das war zumindest, was sie selber über sich dachte. Und wie sie sich sah, denn sie hatte einen Spiegel, einen gar nicht so kleinen, obwohl sie ihn "Spieglein" nannte. Es war ihr Lieblingsspiegel, und das Gute daran war, dass er immer das sagte, was sie gerne hören wollte. Spieglein sprach natürlich nicht wirklich, aber sie spielte, sie würde ihn fragen, und er zeigte ihr immer ihr Ich-bin-so-schön-Gesicht.

Sie war eigentlich nicht wirklich eine Prinzessin, ihr Vater war nur ein Herzog, kein König, aber sie hieß immerhin "Carola von". Von was, weiß ich nicht genau, aber jedenfalls war sie von Adel.
Und weil sie adelig war, und außerdem noch wunderschön, war sie auch hochmütig und eingebildet. Sie hatte langes, blondes Haar, einen schlanken Körperbau, einen lieblichen roten Mund, blaue Augen und ein zierliches Näschen, das sie ziemlich hoch trug! Könnt ihr euch denken.
Das also war Carola.


Dann gab es da ein großes und prächtiges Schloss. Es hatte weiße Türme mit schwarzen Dächern obendrauf, und oben auf den Dächern wehten blaue Fahnen. Dort wohnten der Herzog von Wasauchimmer und seine Tochter Carola nicht.
Wie gerne hätte Carola dort gewohnt, aber sie wohnte in einem hübschen kleinen Schlösschen, das ungefähr eine halbe Tagesreise entfernt lag; wenn man nicht viele Pferde hatte und die Kutsche ordentlich vollpackte, eine ganze. Das kleine Schlösschen hatte keine weißen Türme und Fahnen, aber an sich war es auch ganz nett.

In dem großen, weißen Schloss wohnte, wie ihr euch vielleicht gedacht habt, ein König. Der König. König Winfried der Zweite. Er war jung, gutaussehend und, was das beste war, unverheiratet! - Ihr seht, wohin die Sache läuft..?
Der Herzog wünschte sich natürlich, er könnte seine Tochter mit dem König verheiraten. Das selbe wünschten sich auch jede Menge andere Väter mit hübschen Töchtern; nur der junge König wünschte sich das nicht, zumindest noch nicht so bald! Aber es war eine nette Sache, dass jedes Wochenende hoffnungsfrohe Noch-nicht-Schwiegerväter kamen und Geschenke mitbrachten.

Wer außerdem noch in dem weißen Schloss wohnte, - außer vielen Dienern, Mägden, Stallknechten, dem Haushofmeister und so weiter - war das Monster Goph. "Das Biest" sagten viele dazu, was aber verkehrt und unfair ist, denn Biest oder Bestie heißt Tier, und Goph war kein Tier, sondern ein Mensch. Er hieß eigentlich Gottfried und war ein Mann in Winfrieds Alter. Als der König noch Prinz war und Winfried der Erste herrschte, waren die beiden in die selbe Klasse gegangen und ganz gute Kumpels gewesen. Doch jetzt war Goph des Königs Monster und wohnte in einem Turm des Schlosses; er war genauer gesagt darin eingesperrt. Wieso? Ja, wolltet ihr ein Monster frei in eurem Haus rumlaufen haben?


Ich glaube, ich muss Gophs Geschichte von Anfang an erzählen:
Er war ein normaler Mensch, eigentlich, aber er war hässlich, unnormal hässlich, fanden die Leute. Dazu noch war er ganz besonders groß und stark. Sein Rücken war zu einem runden Buckel verkrümmt, und trotzdem maß er über zwei Meter; hätte er gerade und aufrecht stehen können, wären es locker zweizwanzig gewesen.
Er hatte sanfte braune Rehaugen, über denen ein dicker Augenbrauenwulst vorsprang wie eine Dachtraufe. Deshalb sahen die wenigsten seine hübschen Augen, die meisten aber die schwarzen Brauen, die immer aussahen wie grimmig zusammengezogen. Seine Kiefer waren breit und knochig und ebenfalls vorspringend, dafür war die Nase einigermaßen platt. Hätte jemand erzählt, dass Gottfried mit seinen Zähnen Kiesel zerbeißen konnte, jeder hätte ihm geglaubt. Seine Schultern waren auch sehr breit und unterschiedlich hoch, die Arme, die da herauswuchsen, waren wie behaarte Baumstämme, und seine Hände - nun, niemand gab ihm je einen Händedruck, alle hatten Angst, die Knochen gebrochen zu kriegen.

Als sein Vater ihn zum ersten mal sah, als Neugeborenes, rief er aus: "Oh Gott!" - so waren sie darauf gekommen, ihm den Namen Gottfried zu geben. Und friedlich war er tatsächlich. Seine Mutter liebte ihn natürlich, sie sah ihn mit den Augen einer Mutter, und es tat ihr weh, dass die Leute sagten, er sei hässlich. Aber sie war doch auch sehr erleichtert, als sie ein zweites Kind bekam, ein Mädchen, dass dieses hübsch und normal aussah. Das kleine Schwesterchen wusste noch nichts von hübsch und hässlich und liebte ihren Bruder innig. Als sie anfing zu sprechen, nannte sie ihn "Goff", besser konnte sie es noch nicht sagen. Bald war Goph sein Spitzname, sein einer Spitzname; den anderen gaben ihm die Kinder, als er in die Schule kam: Missgeburt!

Der alte König hatte beschlossen, dass sein Sohn, Prinz Winfried (der Zweite), auch in die Schule gehen sollte, anstatt immer nur im Schloss von seinem eigenen Lehrer belehrt zu werden. Und der Prinz ging in die selbe Klasse wie Goph, die Missgeburt. Natürlich behandelten die Lehrer den Königssohn mit viel mehr Respekt als die anderen Schüler, sie hätten niemals gewagt, ihn anzuschreien oder ihm eine schlechte Note zu geben! Wer weiß, ob der König sie dafür nicht in den Kerker hätte werfen lassen?
Deshalb war der Prinz nicht sehr beliebt bei den Mitschülern, wie ihr euch vorstellen könnt.
Goph dagegen wurde weder von den anderen Jungen noch von den Lehrern respektiert, denn es ist leicht, zu glauben, dass einer, der hässlich und missgebildet ist und nicht viel spricht und missmutig und grimmig dreinschaut, dass so einer auch dumm ist. Wäret ihr nicht missmutig, wenn euch die anderen jeden Tag verspotten würden? Und weil Gottfried gutmütig war und sich meist nicht wehrte, wenn man ihn verspottete, musste er ja erst recht dumm sein.

Winfried bekam also bessere Noten, als er verdient hätte, während Gottfried schlechtere bekam, auch wenn beide eigentlich ziemlich gleich gut waren. So ist es im Leben, man hat oft das Gefühl, es geht ungerecht zu, aber meistens nur dann, wenn man auf der unteren Seite der Ungerechtigkeit sitzt.
Die beiden Frieds waren Jungen, die nicht so richtig dazu gehörten bei den anderen. Mit Goph redete keiner, weil er kaum sprach - klar, wenn er immer Gemeinheiten zu hören kriegte. Mit dem Prinzen sprachen die anderen nur wenig, weil sie meinten, sie müssten dann eine komische höfliche Sprache sprechen, "Ihr" und "Euer" und "Hoheit" sagen und sich verbeugen. Und der Prinz gab nicht zu, dass ihm ganz normales Reden viel lieber gewesen wäre, denn sein Hauslehrer hatte ihm gesagt, er dürfe die normalen Jungen, das gemeine Volk, wie er dazu sagte, nicht den Respekt vor ihm verlieren lassen, später einmal würde er ja König sein.

Prinz Winfried bemerkte erstaunt, dass der missgebildete Außenseiter ihm gar nicht übel nahm, dass er bessere Noten bekam. Er hatte längst gemerkt, dass dieser nämlich nicht so dumm war, wie er aussah. Die beiden verstanden sich ganz gut und unterhielten sich oft, abseits von den anderen, mit denen sie nicht herumtoben durften oder wollten.

Und dann passierte es eines Tages: Der Königssohn brach sich einen Arm! Er war ganz unköniglich mit einem Jungen aneinandergeraten und die beiden wollten sich prügeln. Gottfried ging dazwischen, denn er merkte, dass es ernst war und keine normale Jungsrauferei. Er drängte die Streithähne mit seinen übergroßen Kräften auseinander, und dabei flog Winfried hin und mit dem Arm so unglücklich auf eine Kante, dass der Knochen brach.
Natürlich sagte Gottfried, dass es nicht mit Absicht war, und der Prinz wollte ihm schon verzeihen. Aber die Nachricht, dass der übergroße, missgebildete und im ganzen Ort verachtete Kerl dem hochwohlgeborenen Königssohn den Arm gebrochen hatte, verbreitete sich in Nullkommanichts in der ganzen Gegend - jeder erzählte es noch ein bisschen dramatischer und falscher weiter, als er es selbst gehört hatte; ihr könnt euch denken, was da alles zusammen kommt. Nicht lange, und die Leute hatten keinen Zweifel daran, dass Goph am Galgen landen würde. Und das sei auch gut so, denn wer weiß, welche Schandtaten er sonst noch anrichten würde.

Am nächsten Tag kam Prinz Winfried nicht in die Schule, er war ja krank. Auch Goph kam nicht in die Schulel. Stattdessen ein paar Gardemänner vom königlichen Schloss, die ihn hätten festnehmen sollen. Winfrieds Vater hatte gar nicht anders gekonnt, als das zu befehlen, selbst wenn er seinem Sohn geglaubt hätte, dass der brutale Mitschüler ihn gar nicht mit Absicht zu Boden gestoßen hatte. Aber jemanden, der ein Mitglied der Königsfamilie angriff, konnte man nicht einfach so davon kommen lassen! Und selbstverständlich war der König selbst auch sehr erzürnt über Goph.

Die Soldaten fanden ihn nicht in der Schule, auch nicht zu Hause oder in der Nachbarschaft. Es hieß ja, dass er an den Galgen kommen würde. Deswegen war er weggelaufen, weg von seiner Mutter und vom Dorf, irgendwohin, in die Wälder, sich verstecken. Was blieb ihm anderes übrig? Jeder hasste ihn, keiner glaubte, dass er unschuldig war.

Nachdem man einige Tage lang vergebens nach ihm gesucht hatte, ließ der König verkünden, dass Goph nunmehr vogelfrei sei, frei, aber rechtlos, praktisch wie ein wildes Tier. Niemand brauche ihm zu helfen, im Gegenteil sei jedem angeraten, sich von ihm fernzuhalten - obwohl man ihm "die Freiheit geschenkt habe". Goph war damit gewissermaßen tatsächlich zu einem Biest geworden, ausgestoßen, wie ein Braunbär in den Wäldern lebend, gezwungen, zu stehlen, um zu überleben.
Einmal gab ihm ein Müller Arbeit, weil er Mitleid hatte und auch, weil Goph so stark war, dass er alleine einen Mühlstein tragen konnte. Doch als der Müller merkte, dass bald niemand mehr bei ihm mahlen lassen wollte, um dem hässlichen "Biest" nicht zu begegnen, schickte er ihn wieder weg.

Das war Gophs Geschichte bis zu der Zeit, als der alte König starb und Winfried der Zweite auf den Thron kam, der, der ihn als Mensch, als Schulkamerad gekannt hatte. Doch was tat er? Was soll man mit einem anfangen, der zu verrufen ist, zu hässlich und zu übermenschlich stark, als dass man ihn in die Gesellschaft der normalen Menschen aufnehmen kann? Der junge König nutzte die Gelegenheit, um seine Macht und seine Wohltätigkeit am Volk zu zeigen: Er ließ den bedrohlichen "Wilden Mann" einfangen und auf sein Schloss bringen, wo er ihn als "Monster" hielt.


Dachtet ihr, ein Monster ist das, was in eurem Schrank oder unter dem Bett lauerte, als ihr noch klein wart? Oder was Kinder frisst, die nicht brav sind? Nein, eigentlich ist ein Monster etwas ganz anderes: "Monstra" heißt "zeige" - Ein Monster ist was zum Vorzeigen, eine Attraktion, zum Beispiel ein Elefant, der aus fernen Ländern stammt, oder ein Tanzbär, den man auf dem Markt vorführt, um den Leuten Spaß und Nervenkitzel zu bieten. Denn gefährlich oder gruselig ist so ein Monster ja schon!

In früheren Zeiten wurden kleinwüchsige oder verkrüppelte Leute oder geistig Behinderte oft zur Belustigung des Volkes ausgestellt. Es gab ja noch keine Zeichentrickserien, keine Comedians oder Reality-Soaps.
Und die armen Krüppel hatten auf die Art zumindest einen Lebensunterhalt, wenn sie schon keine normale Arbeit tun konnten.


So dachte sich auch König Winfried. Ist doch besser für Goph, im Schloss ein Dach über dem Kopf zu haben, als im Wald zu hausen wie ein Tier und von Pilzen und geklauten Brotresten zu leben.
Es war ganz nützlich, dass sein "Monster" den Ruf hatte, gefährlich zu sein, Schafe zu reißen und roh zu fressen - wenn nicht sogar kleine Kinder (wenn sie nicht artig waren, natürlich)! Also hatte er Goph eingesperrt, für die Sache mit dem Arm und für das Stehlen und überhaupt. Und ab und zu zeigte er also das Vorzeigemonster. So auch heute.


Aber erst später.
Erstmal will ich erzählen, was heute los war. Nicht heute jetzt, wenn ihr das lest; das Heute damals, als die Prinzessin im Garten... Halt, der Reihe nach!


Der Herzog von Dingens war nämlich auf das königliche Schloss eingeladen, zusammen mit anderen Herzögen, Rittern, Ratsherren und dem Erzbischof. Welch eine wunderbare Gelegenheit, um seine schöne Tochter Carola dem König vorzustellen! Vater und Tochter brachen also früh am Morgen auf, um die halbe Tagesreise bis zum Mittag hinter sich zu bringen. Muttern blieb daheim, denn irgend jemand musste im Schlösschen ja das Heft in der Hand behalten, und außerdem, sie war ja ohnehin bereits verheiratet.

Im Städtchen beim Schloss kehrte der Herzog mit Carola in einem Gasthaus ein, denn ihm war eingefallen, dass sie ja gar nicht zum Mittagessen eingeladen waren, erst zur Versammlung am Nachmittag, wenn seine Majestät mit den ganzen Edelleuten Rat halten wollte. Gleich gegenüber der Gaststube war eine Schule, und just in jener Schule, so erzählte der Gastwirt, war es geschehen, dass das Biest dem Prinzen Winfried den Arm gebrochen hatte.

"Wie kam da Biest denn in die Schule?" wollte die Prinzessin wissen. "Das Biest ging dort zur Schule, genau wie alle anderen Jungen", erklärte der Wirt. Carola war schockiert. Dass man ein solches Wesen einfach so in die Schule gehen ließ!
"Ja nun", sagte der Wirt, "bis zu diesem Tag hatte keiner von uns Angst vor ihm. Wir fanden ihn hässlich und wollten nicht mit ihm spielen, aber er hat niemandem was getan. Obwohl er so stark war wie ein Bär! Aber dann, ganz plötzlich, ist das wilde Tier in ihm erwacht. Er hat den Prinzen niedergeschlagen und ist davongerannt, in die Wälder, und hat sich nie wieder blicken lassen!"

"Und das Biest, das der König in seinem Schloss haben soll? Ist das dieses, das ihm als Kind den Arm gebrochen hat?"

"Genau! Als er König wurde, hat er es aufgespürt und einfangen lassen. Die Menschen in den Dörfern beim Rauhwald lebten in Angst und Schrecken vor ihm. Und außerdem geht es ja nicht, dass einer einfach so in der Wildnis lebt! Wo sind wir denn!"


Nicht lang danach kamen Carola und ihr Vater dann im Schloss an. Es war natürlich wesentlich größer und prächtiger als ihr Zuhause. Die Gäste wurden in einer riesigen Halle empfangen, es waren auch schon einige von den übrigen Edelleuten da, teils mit ihren Frauen oder ihren Töchtern in teuren Kleidern, in denen man nur ganz langsam gehen und kaum atmen konnte. Auch Carola hatte sich in eins dieser Prachtdinger gezwängt, obwohl sie mit ihrer Figur das gar nicht nötig gehabt hätte, fand sie. Sie blickte spöttisch lächelnd umher auf die teils älteren, teils jüngeren Frauenzimmer, die je nachdem gezierte Nichtigkeiten redeten oder albern kicherten. Diese dort: kunstvoll getürmtes Haar über einem nicht mehr ganz taufrischen Gesicht, dessen von Missgunst eingeprägte Falten auch unter der dicken Schminke nicht gänzlich verborgen bleiben konnten. Oder jenes Mädchen, gerade laut quietschend über eine scheinbar witzige Bemerkung: Die nicht zu sparsam bemessenen Kurven in ein Korsett gezwängt, in dem sie nun aussah wie Pudding in einem übervollen, schlanken Dessertkelch.

Es wurde still, als der König und die Königin in den Saal traten. Natürlich nicht die Frau des Königs, er hatte bekanntlich keine, sondern seine alte Mutter, immer noch sehr majestätisch trotz, oder vielleicht wegen ihrer enormen Körperfülle, die Platz bot für die hunderten wallenden Falten von prächtigem, goldfarbenem Stoff, die ihr Gewand bildeten.

Die adligen Herren grüßten der Reihe nach seine Majestät mit respektvollen Verbeugungen, dann stellten sie ihre jeweilige Tochter oder Gemahlin vor. Der König nickte jedes mal Huldvoll mit dem Kopf und lächelte die Dame an. Carola versuchte, in seinem Gesicht zu lesen, was er dabei dachte.

Als sie an der Reihe war, machte sie artig ihren Knicks und ließ ihr Lächeln dann in ein freches Grinsen übergehen, denn gleich vor ihr war Miss Puddingdessert dran gewesen, und es war Carola nicht entgangen, dass auch des Königs Lächeln bei ihrem Anblick deutlich breiter und belustigter geworden war.
Der König würdigte sie seines royalen Blickes und nickte, und sie war natürlich der Überzeugung, dass er ihr ganz besonders seine Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Triumphierend erhobenen Näschens marschierte sie an den übrigen Töchtern vorbei und unterdrückte ein Keuchen. Hoffentlich konnte sie nun endlich aus diesem Mieder raus!

Sie ließ sich von einem Lakaien den Weg zu dem Zimmer weisen, der Kammer, besser gesagt, die man ihr und ihrem Vater zum Nächtigen hergerichtet hatte. Kaum größer als ein Ankleidezimmer für Adlige wie sie, fand sie. Dass in einem so großen Schloss nicht mehr Platz zur Verfügung stand! Pff, sicher mussten die größeren Gemächer für die schwerreichen Herrschaften herhalten, die für ihren fettleibigen Leib eines extra großen Bettes bedurften.
"Hänge er mir diesen Spiegel auf!" verlangte sie von dem Diener. Sie hatte ihr Lieblingsspieglein natürlich mitgebracht. Der Diener runzelte die Stirn und verwies auf den Spiegel, der in der Kammer bereits vorhanden war, aber sie beharrte: "Ich brauche diesen Spiegel, keinen anderen! Und sei er vorsichtig!" So etwas von unprofessionell, dass ein königlicher Lakai in seinem Mienenspiel seine eingene Meinung durchscheinen ließ! "Er kann sich entfernen. Ich kleide mich allein um", verkündete sie.

Sie befreite sich aus dem unbequemen Renommiergewand und zog ihr Lieblingskleid an, das leichte, hellblaue, das perfekt zum sonnigen Himmel und ihren blauen Augen passte. Dazu noch die Perlenkette, die sie von ihrer besten Freundin bekommen hatte. Ihr Spieglein versicherte ihr, dass sie perfekt aussah - besser noch als zuvor, vor allem aber besser als die ganzen aufgedonnerten Hühner, die sich unten in der Halle um die olle Königin geschart hatten!

Geändert von Tush (15.05.2015 um 01:45 Uhr) Grund: Tippfehler
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Alt 26.10.2013, 01:09
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Während die adeligen Herren samt Bischof und König sich in einen Ratssaal verzogen, um nun endlich zu den wichtigen Themen zu kommen, wegen denen sie hier waren, lud die Königsmutter nämlich die anwesenden Damen zum Kaffeekränzchen in einen ihrer prächtigen Barocksalons. Carola hatte nicht vor, diesem vollkommen sinnfreien Austausch von Eitelkeiten beizuwohnen, gar nicht zu reden vom majestätischen Kuchenbuffet, dessen Kalorieninferno sie sich anhand der Figur ihrer mütterlichen Hoheit ausmalen konnte. Buttercreme in zwanzig Variationen...

Sie ging in den Schlossgarten. Die Sonne schien, es war niemand sonst zu sehen, vor ihr erstreckte sich ein weißer Kiesweg in die Ferne, gesäumt von Rasenflächen, die hier und da von geometrisch angeordneten Blumenbeeten, Hecken oder niedrigen Mauern aus Marmorblöcken durchbrochen wurden.
So stellte sie sich einen Schlossgarten vor! Das war etwas anderes als die von ein paar Rosenbüschen gesäumte Terasse, die sich an ihr Schlösschen daheim anschloss. Dort konnte man in weniger als zwei Minuten gemächlichen Schrittes den ganzen Garten umrunden; hier dagegen könnte sie den ganzen Nachmittag umherspazieren, ohne den selben Platz zwei mal zu betreten. Sie sog den Duft der Blumen und des Grases ein und hing träumerischen Gedanken nach: Wenn der König sie zu seiner Braut erwählen würde... Dann wäre der ganze Park ihrer, sie könnte den Gärtnern befehlen, ihre Liebligsblumen zu pflanzen und ihre Initialen in die Hecken zu schneiden! So abwegig schien diese Hoffnung nicht, hatten der Blick des Königs und der ihre sich nicht in spürbarer Sympathie getroffen? Sie stieß einen gedankenverlorenen Seufzer aus. Seine Augen! Tiefes Braun mit einem goldenen Schimmer darin. Seine markanten Züge, das energische Kinn von einem schmalen schwarzen Bart betont, keinem buschigen Rauschebart, wie ihn der alte König auf dem Porträt in der Halle getragen hatte. Sein lächelnder Mund, sensibel und sinnlich im Kontrast zu den fast schon harten Linien seines Gesichts... Sie seufzte wieder.

Ihr Weg hatte sie zu einem kleinen Weiher geführt. Im Schilf sang und zwitscherte ein graues Vöglein. Sie betrachtete die Spiegelung des weißen Schlosses im Wasser, während ihre Finger gedankenverloren mit der Perlenkette spielten. Diese "besondere" Kette aus unperfekten Perlen. An einem Weihnachtstag hatte ihre allerbeste Freundin ihr das Geschenk überreicht.

Nachdem sie sie mit leuchtenden Augen entgegen genommen und der Freundin überschwänglich gedankt hatte, betrachtete sie die schimmernden Kügelchen genau.
"Sicher hast du sie günstiger bekommen", vermutete sie. "Hier die Perle hat einen kleinen schwarzen Fleck. Naja, einem geschenkten Gaul..."
Es war ihr in ihrer Arroganz nicht aufgefallen, dass sie ihre Freundin verletzte, indem ihre Kritik sogleich den Dank verdrängte.
"Diese hier hat eine andere Farbe. Und hier ist eine nicht ganz runde." Ihr scharfer Blick entdeckte immer weitere Makel.
Das Lächeln war vom Gesicht der Freundin verschwunden. "Ich habe sie extra ausgesucht! Keine zwei Perlen sind gleich - wie die Menschen. Das gefiel mir." Ihre Stimme kang enttäuscht. "Ich dachte, dir auch!?"
"Jaja, natürlich", sage Carola. "Eine makellose wäre ja auch viel zu teuer gewesen!"

So war die Art, wie Carola ihre Mitmenschen behandelte. Sie war in ihren Augen - und ihrem Spieglein - so schön und edel, dass jeder sie lieben musste, daran zweifelte sie nicht. Ihre Mitmenschen dagegen waren allesamt unperfekt, wie Menschen eben sind. So gesehen hatte die Perlenkette schon recht.
Und weil sie sie an die Freundin erinnerte, ehrlich gesagt die einzige richtige Freundin, die sie hatte, war sie schon bald ihr Lieblingsschmuckstück.

Während sie nun so gedankenverloren am Wasser stand, machte es plötzlich "Plitsch", als der Verschluss der Kette aufging und diese in den Teich fiel. Die träumende Prinzessin schrie auf, denn sie sah gerade noch, wie das glitzernde Ding zwischen den Blättern der Wasserpflanzen versank. Ein Halbkreis aus kleinen Wellen zog über den Wasserspiegel dahin, wie um zu sagen: Ich bin dann mal weg!

Verzweifelt leise vor sich hin jammernd fiel das Mädchen auf die Knie und blickte in das dunkelgrüne Wasser. Besser gesagt, in das klare Wasser, in dem unter lauter Grünzeug dennoch der Grund nicht zu sehen war. Und auf dem Grunde, ebenfalls nicht zu sehen, ruhte nun die Kette mit ihren nicht perfekten, aber eben besonderen Perlen.

Fast hätte sie ihren adeligen Arm ins Wasser gestreckt und auf dem modrigen Grund danach getastet; aber sie sah auf den Wasserpflanzen kleine Schnecken und Krabbelgetier und zuckte zurück bei dem Gedanken, dass noch größere und ekligere Kreaturen tiefer unten sitzen mochten. Sie sprang wieder auf und lief ein Stück um den Teich herum, um im Schloss Hilfe zu suchen, doch dann fiel ihr ein, dass sie die Stelle nicht mehr finden würde, wenn sie weglief. Schon jetzt zweifelte sie: War es zwischen dem ersten und zweiten Busch gewesen oder zwischen dem zweiten und dritten? Doch, dort, da war das Gras niedergedrückt, wo sie gekniet hatte! Und, stellte sie fest, ihr blaues Kleid schmutzig gemacht hatte, als wäre das alles nicht schon Unglück genug. Schmutzig war auch das Wort, das sie hervorstieß, während sie wütend mit dem Fuß aufstampfte! Jetzt war es schon egal, wenn die Schuhe auch noch dreckig wurden!
Aber auch das Stampfen half nicht gegen die Tränen, die ihr in die himmelblauen Augen stiegen. Sollte sie einfach laut losheulen, auf dass jemand sie hören und ihr helfen würde?
Nein! Sie war kein kleines Mädchen mehr! Sie war eine Frau, die gerade eben noch ans Heiraten gedacht hatte. Allerdings - was sollte sie tun, um sich selbst zu helfen? Mit irgend einem Stecken im Teich herumzustochern würde sicherlich eher schaden als nützen.

Sie musste einen Diener, einen Gärtner oder sonst jemanden herbringen, der sich nicht weigern würde, die Hand bis zum modrigen Teichgrund hinab zu strecken. Sie musste die Stelle markieren, wo das Schmuckstück versunken war. Sie könnte ihr Taschentuch... nein, das brauchte sie gerade für ihre Tränen.
Weißer Kies! Davon lag doch jede Menge auf dem Weg. Damit konnte sie ein Kreuz auf den Rasen streuen, um die Stelle wiederzufinden.

Als sie mit zwei Händen voll Kieselsteinchen zurückkam, sah sie ein grünlich-braunes, plattes Gesicht mit goldfarbenen Glubschaugen zwischen den Wasserpflanzen hervorschauen. Sie wich erschrocken einen Schritt zurück, als das Wesen vor ihr an Land kletterte. Es war ein dicker Frosch, gut drei mal so groß wie der größte, den sie je bisher gesehen hatte. Sie hatte es ja gewusst, dass dort unten schleimige Kreaturen lauerten!

Sie machte ein angeekeltes "Ääh!" Der Frosch blähte seine Kehle, dann spuckte er eine Kette, ihre Perlenkette, vor sich auf die Wiese! "Oh Gott!" flüsterte Carola entgeistert und ließ die Steinchen fallen. Ihr wurde übel. Das eklige Vieh hatte ihre Kette aus seinem Bauch hervorgewürgt, oder doch zumindest im Maul gehabt!
Aber zumindest war sie wieder da! Sie hätte zu gern sofort zugegriffen, aber dafür hätte sie dem schleimigen Frosch nahe kommen müssen. Und wie sollte sie den Schmuck anfassen, der jetzt mit Algen und Froschspeichel besudelt war?

Sie wedelte mit ihrem weißen Taschentuch. "Ksch!" sagte sie, "Geh schon in deinen Teich, du!" Der Frosch blinzelte - es sah so aus, als zöge er die Augäpfel in den Kopf hinein und ließe sie dann wieder hervorquellen. Er wich ein Stückchen zurück.

Carola nahm mit spitzen Fingern die Perlenkette am äußersten Ende und ließ sie auf ihr Taschentuch fallen. Dann wickelte sie es vorsichtig zusammen, ohne den schleimigen Inhalt zu berühren. "Ääh" machte sie wieder bei dem bloßen Gedanken. Wo konnte sie jetzt ihre Hände waschen?

"Wäre ein Dankeschön zuviel verlangt?" sagte der Frosch mit einer erstaunlich wohlklingenden Stimme. Als sie das hörte, wurden ihre erschrockenen Augen so groß wie Untertassen; naja, nicht ganz, aber sehr groß auf alle Fälle!

Was war so schockierend daran, dass ein Tier plötzlich zu sprechen anfing? Nun, Carola und ihr Vater lebten zwar in einem Königreich, aber deswegen noch lange nicht in einer Märchenwelt. Die Niederlande sind auch ein Königreich; wenn du deshalb in Amsterdam plötzlich die Frösche reden hörst, solltest du dich mal lieber fragen, was du geraucht hast!

Nach ein paar stotternden Versuchen gelang es der Prinzessin, eine Frage zu formulieren: "Waas??"
"Ich habe deine Perlen heraufgebracht. Du wolltest sie doch unbedingt wieder? Wie wäre es, wenn du wenigstens Danke sagst?" fragte der Frosch zurück.

Sie gewann ihre Fassung zurück. Wenn sie etwas nicht leiden konnte, war es, wie ein Kind belehrt zu werden. "Danke!" fauchte sie patzig. "Als nächstes soll ich dich womöglich noch küssen!?"

"Ich verzichte." sagte der Frosch sarkastisch. "Trockene Lippen sind ekelhaft! Und du bist reichlich arrogant, weißt du das eigentlich?"

"Wie bitte? Was soll das heißen, arrogant?" fragte sie ehrlich erstaunt.

"Du scheinst es für selbstverständlich zu halten, dass die Leute tun, was du willst. Und wenn du deinen Willen bekommen hast, findest du gleich etwas daran herumzumäkeln. So wird dir bald keiner mehr einen Gefallen tun wollen!"

"Woher willst du dass wissen? Und was geht dich das überhaupt an?" schnaubte sie. "Bist du ein verzauberter Benimmlehrer, oder was?"

"Ich bin ein Frosch. Fridolin Ferdinand Teichmann, zu Diensten!" stellte er sich vor. Und weil er keine Verbeugung machen konnte, glubschte er noch einmal die goldenen Augen in den Kopf hinein und wieder heraus.

"Wie bist du ein Frosch geworden?" fragte sie neugierig.

"Kurr", quakte der Frosch. "Ich bin so lange herumgeschwommen, bis mir Beine wuchsen, und als die stark genug wurden zum Hüpfen, war ich ein Frosch! Und was geht dich das überhaupt an?" imitierte er ihren patzigen Tonfall.

"Du bist also kein Märchenprinz? Was fällt dir ein, so mit einer Prinzessin zu reden?" herrschte sie ihn an. "Und wieso kannst du überhaupt sprechen?"

"Kurr", machte Fridolin Ferdinand wieder. "Seit wann gibt es hier eine Prinzessin? Ich glaube, du spielst dich nur auf!" Auf das Sprechen Können ging er gar nicht erst ein. "Ganz offensichtlich hat sich noch keiner getraut, dir zu sagen, wie herzlos du bist und wie schlecht du dich benimmst! Einer musste es ja tun."

Sie schnaubte vor Wut: "Ich werde dem König erzählen, was sein Teichfrosch sich gegenüber seinen Gästen herausnimmt! Warte nur ab, was er dann mit dir macht!"

"Ich denke, er wird einen Arzt rufen. Weil du einen Sonnenstich hast und Stimmen hörst! Er wird denken, du bist verrückt. Sprechende Frösche, so ein Quaak!"

Carola fiel keine Erwiderung ein. Selbstverständlich konnte sie nicht riskieren, dass man sie für verrückt hielt!

"Denk drüber nach! Schönes Gesicht, aber hässliches Herz! So wirst du dem König nicht gefallen, soviel ist sicher" Und er drehte sich um und sprang platschend zurück in den See.

Sie wandte sich auch um und ging zurück zum Schloss. "Pah! Widerlich!" schimpfte sie. Sie würde es wirklich niemandem erzählen. Sie sei arrogant, das ging ja mal gar nicht! Wenn womöglich jemand fand, dass sie das tatsächlich war..!

Carola betrat durch eine Seitentür das Schloss. Hoffentlich sah niemand sie mit dem dreckigen Kleid! Sie musste ihre Kammer finden und etwas anderes anziehen. So ein Mist, heute Abend hätte sie gern ihr Lieblingskleid getragen!
Und natürlich die Kette. Die musste sie unbedingt abwaschen!

Ein Mädchen kam ihr entgegen, das einen großen Korb voll Wäsche trug und leicht keuchend grußlos an ihr vorbei ging. Es steuerte eine Tür an, aus der Dampfschwaden und der Geruch von Seife zogen. Eine Waschküche, perfekt!

"Sie! Hallo!" rief sie der Magd hinterher.
Diese wandte sich halb um, ohne den Korb abzusetzen. "Ja?"

"Dieses Kleid muss gewaschen werden! Und gleich, ich brauche es heute Abend!"

"Kein Problem, kommt mit, die Wäscherei ist gleich hier!"

Carola betrat den heißen und nebligen Arbeitsraum. Sehr ungewohnt! Mit Hausarbeit hatte sie sonst nie zu tun.

"Da, kannst es gleich reintun", sagte die Magd, "aber pass auf, das Wasser ist heiß!" Sie deutete auf einen Bottich mit frischer Waschlauge.

"Hält sie mich für eine Wäscherin!? Und ich brauche zuerst ein anderes Kleid; bringe sie mir eins aus meiner Kammer."

Die Magd stopfte Wäschestücke aus ihrem Korb in die Bottiche und begann, mit einer Art Paddel darin zu rühren. "Wertes Fräulein! Ich habe die Wäsche des Königs zu erledigen. Ich habe keine Zeit, dich auch noch zu bedienen; und es ist auch nicht mein Job."

"Welchen Ton erlaubt sie sich gegen mich, die Tochter des Herzogs?" entrüstete Carola sich. "Und wie soll ich bitte sehr mein Kleid ausziehen, wenn ich nichts zum Anziehen habe?"

"Mit Verlaub, o Tochter des Herzogs: Ich bin die königliche Hofwäscherin, woher nimmst du dir das Recht, mich herumkommandieren zu wollen? Wenn dir kalt sein sollte, leihe ich dir gerne einen von meinen Kitteln."

Carolas Gesicht hatte eine tiefrote Färbung angenommen, vielleicht vor Wut oder weil es hier so warm war, oder vielleicht schämte sie sich auch dafür, dass sie offenbar nicht höher eingestuft wurde als eine Dienerin bei Hofe. Jedenfalls fiel ihr keine Erwiderung ein.

"Willst du das Kleid nun gewaschen haben oder nicht? Dann her damit, es soll ja auch noch heute trocken werden."

Resigniert seufzend zog die adelige Tochter ihr Kleid über den Kopf und reichte es der Magd, die ihr dafür ein ordentlich gebügeltes Dienstgewand gab. Schande über Schande, aber diese ...Person... ließ ja nicht mit sich reden.
Nicht so jedenfalls, wie sie es gewohnt war, mit den Leuten zu reden!

Geändert von Tush (12.01.2014 um 02:20 Uhr)
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Alt 19.01.2014, 19:05
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Übungspuppe
 
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du-u? wie lange dauert es noch, bis das kleid gewaschen ist.....?
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Niemals ohne meine Allzweck-Brat- und Überbratpfanne!
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  #4  
Alt 29.03.2015, 22:26
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Und als wäre das noch nicht genug Erniedrigung, gab die Wäscherin ihr nun das Tropfnasse, dampfende Kleidungsstück zurück und bedeutete ihr, den eingeweichten Schmutzfleck auf einem der Waschbretter zu rubbeln. Hilflos hielt sie den heißen Stoff in ihren in jeglicher Arbeit ungeübten Händchen und wusste nicht, wie.

"Gib her!" sagte die Magd leicht genervt und machte es selbst. "Bei dem dünnen Gewebe musst du vorsichtig sein, schau, so..!" Als wollte sie Carola zur Wäscherei anlernen! "Und jetzt hier drin ausspülen." Sie hielt das nasse Kleid gegen das Licht und prüfte, ob aller Schmutz weg war. Dann reichte sie es an seine Besitzerin zurück. "Nicht wringen", kommandierte sie, "nur leicht ausdrücken", - als hätte die zarte Carola überhaupt genug Kraft zum ernsthaften Wringen gehabt - "und dann glatt falten und durch die Mangel drehen!" Sie deutete auf ein großes eisernes Gerät im Nebenraum.

Die Herzogstochter stand ein paar Minuten ratlos vor der Mangel und fragte sich, selbst wenn sie gewusst hätte, wo man die Wäsche einlegen muss, ob sie es überhaupt schaffen würde, an der Kurbel zu drehen. Dann kehrte sie zu der kräftigen, rubbelnden und rührenden Wäscherin zurück und fragte kleinlaut: "Bitte, könntest du es für mich mangeln? Ich weiß nicht,... ich bin zu schwach!"

Die Frau lächelte breit. "Du kannst ja bitte sagen! Aber selbstverständlich, einen kleinen Moment."
Sie wrang das Wasser aus einigen Laken, wobei Carola beeindruckende Muskeln an ihren Armen in Aktion sehen konnte. Vielleicht hatte dem zarten Geschlecht anzugehören doch nicht nur Vorzüge.
Dann legte sie die Tücher samt dem Kleid zu einem ordentlichen Stapel zusammen und kurbelte diesen durch die Maschine, die die restliche Feuchtigkeit herausquetschte. Sie hängte das jetzt ziemlich glatte Gewand in der Nähe des Ofens auf. "So, das müsste bald trocken sein."

Die Worte des Frosches kamen Carola in den Sinn: Wäre ein Dankeschön zuviel verlangt?
Sie biß sich auf die Lippe. Ja, die Magd hatte ihr geholfen, obwohl sie es nicht musste. Und sie war freundlich gewesen, sobald Carola ihr herrisches Gehabe gelassen hatte.

Sie ging zu der Frau und brachte es über sich, zu sagen: "Du hast mir wirklich sehr geholfen. Vielen Dank!"



Kurz darauf saß sie oben auf dem Zimmer und studierte das Gesicht ihres Spiegelbildes. Hatte der Ärger und die Scham irgendwelche Spuren hinterlassen? War ihr Kleid in Ordnung? Sie dachte über die Vorwürfe des Frosches nach. War das wirklich passiert? Die Kette war da, bestätigte ihr der Spiegel. Sie war im Teich versunken gewesen, dessen war sie sich sicher. Wer hatte sie herausgeholt? Sie selbst? Und sich das Tier bloß ausgedacht? Aber die Vorhaltungen über ihre Arroganz und Undankbarkeit? Sollte sie sich das auch erträumt haben?

Du siehst glücklich aus, sagte ihr Spiegelbild. Du freust dich, dass du dich für das Kleid bedankt hast, nicht war? Du hast ein Lächeln bekommen, wo du Gehorsam erwartet hättest. Sie nickte.
Die anderen Menschen wünschen sich auch ein Lächeln und ein freundliches Wort. Erwartest du, dass das Personal sich freut, dir dienen zu dürfen? Stell dir dich an ihrem Platz vor! Und dann hör dir das an: Tue sie dies, bringe sie das, aber hurtig! Nein, das ist nichts, ein anderes!

Carola konnte selbst nicht begreifen, was in sie gefahren war! Da saß sie vor ihrem Spieglein, Spieglein an der Wand und erzählte sich selbst was über die Diener und ihren Umgang mit ihnen. Und ja, sie waren Wert, freundlich behandelt zu werden. Sie waren Menschen, keine Sachen! Schließlich erwartete sie von ihnen auch Freundlichkeit.

Sie beschloss, in den nächsten Tagen darauf achten, ob sie Anzeichen von Hartherzigkeit und Arroganz bei sich bemerkte. Nicht, dass sie sich von einem dahergehüpften Frosch reinreden lassen würde! Aber sie war schließlich im Herzen ein genau so schöner Mensch wie äußerlich betrachtet. Das wollte sie auch zeigen. Keinesfalls hatte sie es nötig, Überheblichkeit rauszuhängen!



Am Abend gab der König für die Gäste ein Bankett. Der Rittersaal war festlich hergerichtet, die Diener trugen Hirschbraten und Spanferkel und Wein und Bier auf. Die Ratsherren und Ritter griffen tüchtig zu, ganz besonders seine Korpulenz, der Erzbischof. Verzeihung, seine Eminenz natürlich!
Die holde Weiblichkeit hielt sich bei den Speisen eher zurück, alle waren noch voll von den Torten. Außer Carola, aber auch sie ließ sich den Teller nur halb füllen. Sie hatte keinerlei Ambitionen, es zur Erzbischöfin zu bringen. "Danke sehr!" sagte sie freundlich zu der Magd, die ihr mehr bringen wollte, und erntete dafür ein Lächeln und einen Knicks, den das Mädchen elegant ausführte trotz der schweren Fleischplatte, die sie dabei auf einer Hand balancierte.

Aber sie ließ sich nochmals von des Königs dunklem Bier reichen. Sie hatte davon aus purer Aufsässigkeit gekostet, weil der Herzog gesagt hatte, ein adliges Fräulein trinke so etwas nicht und es werde ihr sowieso nicht schmecken. Erstaunlicherweise war der Geschmack gar nicht so schlecht, und sie bekam davon ein lustiges Gefühl im Kopf.

Schließlich, als die Nachspeisen serviert waren, kam das, was viele schon gespannt erwartet hatten: Seine Majestät ließ das Monster holen. Goph wusste natürlich schon den ganzen Tag über, dass er heute Abend drankommen würde. Einerseits war er ja über jede Abwechslung in seinem eintönigen Gefangenendasein froh, aber zugleich nervte es ihn, dass er einmal mehr von den Leuten als Tier, als Ungeheuer angesehen werden würde, nicht als der Mensch, der er unter seiner monströsen Oberfläche war.

Der Diener, der ihn herbrachte, war ein zierlicher älterer Mann, der aussah, als könnte das Monster ihn mit einer Hand zerquetschen. Man musste sich gerade wundern, dass er die schwere Eisenkette an Gophs Fußfessel tragen konnte. Das war natürlich Absicht, denn im Vergleich sah der riesige, bucklige Kerl noch größer aus! Ein beeindrucktes Raunen ging durch den Saal, von einigen der anwesenden Frauen waren sogar Schreckensschreie zu hören. Der Haushofmeister gab sogleich bekannt, dass niemand etwas zu befürchten habe: Schwer bewaffnete Wachen hatten an den Seiten des Podestes Stellung bezogen, auf das Goph geführt wurde. Die Kette wurde an einem massiven Pfeiler festgemacht, so, als müsste man ihn daran hindern, über die Gäste herzufallen. Oder nur zur Beruhigung der Damen, von denen einige bleich, die anderen vor Spannung ganz rot auf den Wangen geworden waren.

König Winfried trat auf die Bühne und sagte nonchalant: "Meine verehrten Damen, werte Gäste! Machen Sie die Bekanntschaft des stärksten Mannes in meinem ganzen Reiche: Goph, man nannte ihn auch den 'wilden Mann'! Grüß dich, Goph!"

Der Hüne brummte etwas, das sich vage nach "Majestät" anhörte und nickte dem König zu - man konnte es nicht wirklich eine Verbeugung nennen. Auch das gehörte zur Show. Wenn das Monster wild wirken sollte, durfte es sich nicht zu manierlich zeigen, gleichzeitig aber sollte man sehen, dass der König ihm zumindest Respekt beigebracht hatte.

"Goph hat bald zwanzig Jahre in den Wäldern zugebracht, sie müssen entschuldigen... Würdest du unsere Gäste auch begrüßen?" verlangte seine Majestät.
Das Ungeheuer wandte sich mit finsterer Miene den Anwesenden zu und ließ dabei die Knöchel seiner bratpfannengroßen Hände knacken. Dann hellte sich sein entstelltes Antlitz zu einem freundlichen Grinsen auf. "Abend zusammen", knurrte er und deutete wieder eine Verbeugung an. Eigentlich erfreute es ihn nicht wirklich, wie jedes mal auf den Gesichtern der Zuschauer Furcht und Abscheu wegen seiner Hässlichkeit zu lesen. Aber zuweilen erwiederten einige auch sein Lächeln, das er so plötzlich aufleuchten ließ. Das war ihm eine Wohltat, wenn es geschah. Heute gelang es bei einer besonders hübschen jungen Dame, die ganz zuvorderst an einem Seitentisch saß. Sie war vor Spannung bis an die Kante ihres Stuhles gerutscht und starrte gebannt auf das hässliche Wesen. Es war Carola. Sie wusste durch die Erzählung des Wirtes, dass dies früher ein ganz normaler Junge gewesen war und unter seinem grotesken Äußeren immer noch sein musste. Obwohl er präsentiert wurde wie ein wildes Tier, angekettet und bewacht.
Und dann, als er sie ansah, strahlte er mit einem mal auf, und sie lächelte automatisch zurück. Das Abstoßende seines Gesichts wurde dadurch gemildert, dass man seine sanften, dunkelbraunen Augen leuchten sah. Sein Haar fiel ihr nun auf, es war lang und schwarz und erstaunlich gepflegt, wie man es bei einem Gefangenen nicht erwartet hätte.

Wie lebte er wohl in seinem Turm, wie war es ihm zuvor in seiner Einsamkeit gegangen? Ob er überhaupt etwas von der Welt wusste? Es war sonst überhaupt nicht ihre Gewohnheit, sich Gedanken über ihre Mitmenschen zu machen. Aber dieser Tag hatte ihr buchstäblich den Spiegel vorgehalten und ihre Sichtweise verändert.

Der König ließ sein Monster jetzt eine Darbietung seiner Kräfte geben: Ihm wurden nacheinander verschiedene Holzstämme gereicht, der erste so dick wie Carolas Handgelenk, danach immer dickere. Goph brach einen nach dem anderen mit ungerührter Miene durch, erst beim letzten, der wie der Stamm einer 30-jährigen Tanne aussah, verzerrte er angestrengt den Mund.

Danach fragte Winfried: "Bist du hungrig, Goph?" Der Bucklige nickte. "Haben sie dir nichts zu essen gebracht?" tat der König erstaunt. "'ch mag keinen Haferbrei", knurrte Goph.
"Oh, nicht? Ich liebe ihn!" Die Zuschauer lachten.
"Doch wirklich!" betonte der König, "ich esse jeden Morgen Haferbrei. Das könnt ihr euren Kindern ruhig sagen." Er zwinkerte.

"Goph, wir haben noch etwas Braten übrig. Möchtest du ein Stück?" Der Hüne grinste mit seinem breiten Kiefer. Jetzt kam der Teil, den er mochte.
Die Diener brachten eine Platte mit einer ganzen Hirschkeule. Goph griff mit strahlenden Augen zu und machte sich wie ein ausgehungertes Wolfsrudel darüber her. Jedoch achtete er den Damen zuliebe darauf, sich nicht zu besudeln oder laut zu schmatzen. Fassungslos sahen die Gäste die Fleischportion, die normalerweise eine acht- bis zehnköpfige Familie satt gemacht hätte, innerhalb weniger Minuten verschwinden. Als außer einem Knochen nichts mehr da war, applaudierten sie spontan.

"Herr König, du hast einen guten Koch!" sagte das Monster und rieb sich zufrieden den Bauch. Das Publikum lachte wieder. Carola aber stand auf und nahm sich die Kühnheit heraus, seiner Majestät zuzurufen: "Brauchen wir jetzt nicht mehr zu fürchten, dass Euer wilder Mann junge Mädchen frisst?"

Nun musste der König schallend lachen. "Ich wäre mir da nicht so sicher!" dröhnte er.

"Ach bitte, dann lasst ihn doch an meinem Tischchen sitzen!" verlangte sie. Sie ignorierte den entgeisterten Blick ihres Vaters, der ihr am liebsten verboten hätte, sich hier so schamlos zum Narren zu machen. Nun gut, sie hatte jetzt die Aufmerksamkeit des Monarchen, aber was würde der über ihr Benehmen denken?

Was er dachte, war: Dann wollen wir mal sehen, was das freche Ding für ein Gesichtchen macht, wenn wir sie tatsächlich beim Wort nehmen!

Goph wurde puterrot, als der Diener ihm zuflüsterte, er werde sich jetzt zu der jungen Dame setzen und solle sich ja gut benehmen! Er genierte sich, denn er hatte sonst nie mit fremden Leuten zu tun, an Damen von Adel gar nicht zu denken. Bei König Winfried genoss er eine gewisse Narrenfreiheit, sozusagen als Entschädigung dafür, dass er in Gefangenschaft leben musste. Aber so plötzlich in feine Gesellschaft zu kommen, von der er doch seit jeher ausgestoßen war... Es war ihm ohne Ende peinlich.

Auch Carola wurde ihr kühner Wunsch plötzlich peinlich, als es im ganzen Saal totenstill wurde und die Leute sie anstarrten. Skandalös! schienen die Blicke auszurufen, wie kann man sich mit so etwas Hässlichem abgeben?

Aber da das Bier Carolas Kopf leicht und ihre Stimmung beschwingt gemacht hatte, musste sie über die aufgerissenen Augen der Gäste kichern und überspielte den Moment, indem sie einen albernen, etwas übertriebenen Knicks machte, ganz so, als sei sie Teil der Vorstellung. Sollten die Klatschweiber doch reden, was sie wollten!
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  #5  
Alt 27.10.2016, 15:07
Suri
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Und wie geht es weiter?
Bin grad soooo im Leseschwung.
Liest sich wirklich wunderbar.
Am Anfang etwas verworren mit der Springerei zwischen dem "Jetzt" und dem Vergangenen rund um die Schulzeit von einst, aber dann die Unterhaltung mit dem Frosch und der Beginn der Selbsterkenntnisse .... einfach klasse und vor allem sehr lebendig geschrieben, dass man gar nicht mehr aufhören mag zu lesen.
Also wenn es noch weiterginge wäre es schön, wenn du uns daran teilhaben lassen würdest.
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